Grenzkontrolle
16.02.2025 / Pfarrer Johannes Jochemczyk, Dekan
Grenzkontrollen sollen nun wieder eingeführt werden, heißt es. Verständlich, nach dem Attentat, das wir auch in dieser Woche wieder erleben mussten. Am Besten die Grenzen gleich ganz schließen, sagen manche sogar.
Ich verstehe dies – und bedauere es doch gleichzeitig zutiefst. Ich fühle mich um Jahrzehnte zurück versetzt. Damals gab es noch den eisernen Vorhang, eine Grenze in den Köpfen zwischen Ost und West, in Berlin in Gestalt einer Mauer, die sich mitten durch die Stadt zog.
Ich bin in dieser Zeit groß geworden. Jenseits dieses eisernen Vorhangs lag damals eine für mich fremde Welt: Polen – ein unbekannter Nachbar. Ein Besuch in diesem Land Ende der 80-er Jahre änderte dies. Damals brauchte man noch ein Visum. Es gab Zwangsumtausch und Grenzkontrollen. Man stand mit seinem Auto oft in kilometerlangen Schlangen vor der Grenze. Stunden des Wartens. Die Kontrollen waren streng, die Atmosphäre war misstrauisch.
Dann kam die Wende. Und mit der Wende fiel der eiserne Vorhang. Jahr für Jahr verloren die Grenzen ihre Bedeutung. Das Vertrauen in den Nachbarn wuchs. Und mit diesem Vertrauen wuchs auch Europa. Polen und Deutschland rückten zusammen. Das Schengener Abkommen wurde geschlossen. Die Grenzkontrollen wurden weniger und fielen dann ganz weg. Die Grenzanlagen wurden zurück gebaut. Heute erinnert nur noch ein Schild daran, dass man in ein anderes Land Europas hinein fährt.
Diese Entwicklung zu sehen und zu erleben, hat mich geprägt. Ich habe offene Grenzen schätzen gelernt, sie sind ein hohes Gut. Denn offene Grenzen verbinden. Offene Grenzen vereinfachen das Miteinander. Offene Grenzen zeugen von Vertrauen und Freiheit. Die Grenzen offen zu halten, offen zu bleiben auch für Asylsuchende, wäre von daher mein Wunsch.
Als Christ fühle ich mich in dieser Haltung verbunden mit Jesu Christus, der offen war gegenüber den Menschen, die am Rande der Gesellschaft standen, den Ausgegrenzten und Entrechteten. Es ist darum die ureigenste Aufgabe der Kirche, für diese Menschen ihre Stimme zu erheben.
Doch offene Grenzen werden wohl in diesen Zeiten ein frommer Wunsch bleiben. Zu sehr sind wir alle geschockt von den tragischen Attentaten. Darum sind Grenzkontrollen wohl ein Mittel der Zeit, solange dabei das Vertrauen nicht auf der Strecke bleibt, solange nicht jedem, der in unserem Land Schutz und Perspektive sucht, grundsätzlich mit Misstrauen begegnet wird. Denn das wäre fatal für unser Miteinander.
Diese Seite:Download PDFTeilenDrucken