Menschenwürdedemokratie

28.09.2026 / Dekan Johannes Jochemczyk

Wir leben in einer Demokratie. In den letzten zwei Wochen wurde darum gewählt.

Es gab Gewinner und Verlierer. Ich habe noch die Szenen der Wahlsonntage vor Augen: die einen, die freudestrahlend, euphorisch jubelnd ihr Wahlglück kaum fassen können, die anderen, die schockiert und fassungslos auf die Wahlergebnisse schauten.

Die politische Landschaft wurde gehörig durcheinander gewirbelt! Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Berlin: Nichts ist mehr so, wie es vorher war. Mehrheiten sind neu verteilt. Ehemals etablierte große Volksparteien sind aus einem Landtag geflogen. Unvorstellbar! Irritation in den Gesichtern der Regierenden. In den nächsten Wochen und Monaten wird sich zeigen, was dieses politische Beben für unser Land bedeutet.

„Das ist halt Demokratie!“, so könnte man sagen. „Die Mehrheit entscheidet! Außerdem ist es doch gut, wenn die politische Landschaft in Bewegung kommt!“ Doch was ist eigentlich, wenn die Mehrheit irrt? Steckt in jeder demokratischen Wahl nicht auch ein Risiko?

Diese Fragen machen ein Problem deutlich: Mehrheit allein ist nicht alles und garantiert nicht unbedingt ein friedliches Zusammenleben. Denn Demokratie bedeutet nicht nur: Die Mehrheit entscheidet! Entscheidend ist darüber hinaus vor allem, mit welchen Werten die Demokratie daher kommt.

Christiane Tietz, Kirchenpräsidentin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, hat das immer wieder betont und deutlich gemacht: Nicht demokratische Mehrheiten sind für das politische Wohl in einem Land entscheidend, sondern die Haltung und die Basis, auf welcher das Demokratieverständnis fußt. Sie spricht darum von „Menschenwürdedemokratie“ und stellt diesen Begriff einem Verständnis von Demokratie als reiner Mehrheitsdemokratie gegenüber.

Die Wurzeln der „Menschenwürdedemokratie“ liegen in der jüdisch-christlichen Tradition.

Denn als Juden und Christen glauben wir, dass jeder Mensch Gottes Ebenbild ist. In jedem Menschen spiegelt sich Gott, man könnte darum sagen, jeder trägt etwas göttliches in sich. Das verleiht uns allen, jedem Menschen seine ganz eigene Würde.

In diesem Denken gibt es keine Gewinner und Verlierer. Denn aus der Perspektive Gottes ist jeder gleich wertvoll. Ich meine jeder von uns, alle, sollten sich in ihrem Handeln und ihrer Politik daran orientieren.