Verabschiedung in den Ruhestand - Joachim Naurath: Brückenbauer, Netzwerker und Grenzgänger

veröffentlicht 25.06.2026 von Clemens von Dressler, Ev. Dekanat an der Lahn

Nach 13 Jahren als Pfarrer mit der Profilstelle für Bildung und Gesellschaftliche Verantwortung im Evangelischen Dekanat an der Lahn wird Joachim Naurath Anfang Juli in den Ruhestand verabschiedet.

Mit ihm verlässt ein Theologe das Dekanat, der Kirche konsequent als Gesprächspartnerin der Gesellschaft verstanden und zahlreiche innovative Formate etabliert hat. Sein Abschiedsgottesdienst findet im Cineplex Limburg statt – einem Ort, der kaum besser zu seinem Wirken passen könnte.

Netzwerker und Brückenbauer

Seit seinem Dienstantritt im Jahr 2013 hat Joachim Naurath die Profilstelle Bildung und Gesellschaftliche Verantwortung geprägt und weiterentwickelt. Sein Ziel war es stets, christliche Werte und gesellschaftliche Fragen miteinander ins Gespräch zu bringen. Dabei verstand er sich als Netzwerker und Brückenbauer zwischen Kirche, Politik, Kultur, Bildung und Zivilgesellschaft.

„Joachim Naurath hat wie kaum ein Anderer Menschen und Themen miteinander verbunden“, sagt Dekan Johannes Jochemczyk. „Er hat Kirche immer wieder aus ihren vertrauten Räumen herausgeführt und den Dialog mit der Gesellschaft gesucht.“

Besonders sichtbar wurde dies im Format „Kirche im Kino“, das inzwischen weit über die Region hinaus Aufmerksamkeit gefunden hat. Monatlich werden im Cineplex Limburg anspruchsvolle Filme gezeigt, die gesellschaftliche, politische oder existenzielle Fragen aufwerfen. In den anschließenden Gesprächen brachte Naurath Menschen über Glauben, Werte und Verantwortung ins Gespräch. Nach einem Rückgang während der Corona-Zeit entwickelte sich die Reihe erneut zu einem Publikumserfolg und zählt heute zu den profiliertesten Bildungsangeboten des Dekanats.

Darüber hinaus initiierte und begleitete Naurath zahlreiche Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen, Theologische Kamingespräche sowie Themenabende mit bekannten Persönlichkeiten aus Kirche, Kultur und Gesellschaft. Gäste wie Margot Käßmann, Eugen Drewermann, Rainer Schmidt, HR-Moderator Werner Reinke oder Bluesmusiker Biber Herrmann sorgten für volle Säle und intensive Diskussionen.

Männerarbeit und internationale Partnerschaft

Ein weiterer Schwerpunkt seiner Arbeit lag im Bereich der Männerarbeit. Mit großer Beharrlichkeit entwickelte Naurath Angebote, die Männer auf neue Weise ansprachen. Dazu gehörten Männergottesdienste, Pilgerwanderungen, Vater-Sohn-Aktionen, Kanutouren auf der Lahn oder Begegnungen in der Stadionkapelle Frankfurt. Damit setzte er Akzente in einem Arbeitsfeld, das in vielen kirchlichen Kontexten nur wenig Beachtung findet.

Auch die internationale Partnerschaft des Dekanats mit der Presbyterianischen Church of Ghana lag ihm besonders am Herzen. Er organisierte Begegnungen, begleitete Delegationsreisen und trug dazu bei, dass die Partnerschaft nach der Fusion der Dekanate zu einem verbindenden Element für das neue Evangelische Dekanat an der Lahn wurde.

Seine Leidenschaft für Bildung zeigte sich zudem in zahlreichen Studienreisen, die er seelsorgerlich und inhaltlich begleitete. Ziele waren unter anderem Israel, Armenien, Georgien und Rumänien. Viele dieser Reisen waren frühzeitig ausgebucht. Gleichzeitig unterrichtete er zehn Jahre Religion an der Marienschule Limburg und vermittelte jungen Menschen die Verbindung von Glauben und gesellschaftlicher Verantwortung.

Bewegender Lebensweg und Ausblick

Geprägt wurde Nauraths Arbeit durch einen ungewöhnlichen Lebensweg. Nach einer Ausbildung zum Versicherungskaufmann studierte er Theologie und arbeitete später sowohl in der Kirche als auch über viele Jahre in der Versicherungswirtschaft. Diese Erfahrungen außerhalb kirchlicher Strukturen schärften seinen Blick für die Herausforderungen und Fragen der Menschen im Alltag.

Der frühere Dekan Manfred Pollex erinnert sich an die gemeinsame Zeit: „Joachim Naurath war immer ein Grenzgänger zwischen Kirche und Gesellschaft. Er hatte die Fähigkeit, Menschen zuzuhören, Beziehungen aufzubauen und neue Wege zu gehen. Seine Erfahrungen aus ganz unterschiedlichen Lebensbereichen haben seine Arbeit außerordentlich bereichert.“

Zu den bleibenden Spuren seines Wirkens gehört auch das Leitbild des Evangelischen Dekanats an der Lahn. Als während des Fusionsprozesses über die zukünftige Ausrichtung diskutiert wurde, brachte sich Naurath mit klaren Positionen und kreativen Ideen ein. Daraus entstand schließlich das Leitmotiv „Wir sind im Fluss“, das bis heute das Selbstverständnis des Dekanats prägt.

Für Joachim Naurath selbst war die Arbeit im Dekanat die erfüllendste Phase seines Berufslebens. Besonders dankbar blickt er auf das Vertrauen zurück, das ihm entgegengebracht wurde, und auf die Freiheit, gesellschaftliche Themen aus christlicher Perspektive aufzugreifen.

Mit seinem Ruhestand endet eine prägende Zeit für das Evangelische Dekanat an der Lahn. Viele seiner Projekte werden weitergeführt, allen voran „Kirche im Kino“. Vor allem aber bleibt die Erinnerung an einen Pfarrer, der Kirche als Bewegung verstand: hinaus zu den Menschen, hinein in die gesellschaftlichen Debatten und offen für neue Orte der Begegnung.

Joachim Naurath hinterlässt Spuren als Bildungsarbeiter, Netzwerker, Seelsorger und Brückenbauer – und als jemand, der dazu beigetragen hat, dass Kirche und Gesellschaft miteinander im Gespräch bleiben.