Die 72-Jährige lebt seit mehr als 50 Jahren in Hadamar, ist dort verwurzelt und vielen Gemeindemitgliedern bekannt – nicht zuletzt als Prädikantin. Im vergangenen Jahr hat sie allein 78 Gottesdienste gehalten, auch in Altenheimen. Ein beeindruckendes Pensum für ein Ehrenamt.
Geboren im Kreis Marburg, kam sie 1969 beruflich nach Frankfurt zur Post. Dort lernte sie ihren Mann kennen, mit dem sie seit bald 53 Jahren verheiratet ist. 1973 zog das Paar nach Hadamar.
Der Glaube von klein auf – und doch neu entdeckt
Der Glaube begleitete Helmi Müller schon früh: „In meiner Kindheit lag bei meiner Patentante immer eine Bibel in der Nähe. Sie hat mir vieles daraus erzählt und mir den Glauben nahegebracht.“
Zunächst spielte Kirche in ihrem Erwachsenenleben nur eine kleinere Rolle – bis zur Taufe der Kinder. „Das war prägend“, erinnert sie sich. Über die Kinderarbeit und den Kindergottesdienst fand sie wieder intensiveren Kontakt zur Gemeinde. Besonders die Arbeit mit der Bibel wurde für sie wichtig: „Der Kontext des Predigttextes ist mir immer entscheidend.“ Heute engagiert sie sich zusätzlich in der Konfiarbeit. Für sie schließt sich damit ein Kreis: „Ich habe mit Kindern angefangen – und arbeite heute wieder mit jungen Menschen.“
Vom Kindergottesdienst zur Prädikantin
Der Weg ins Predigtamt begann unscheinbar: Ihre Tochter wollte nicht allein in den Kindergottesdienst gehen. Helmi Müller begleitete sie – und blieb. Von 1994 bis 2009 war sie Mitglied im Kirchenvorstand, zeitweise auch stellvertretende Vorsitzende.
Ein Schlüsselmoment war ein Versprechen an den damaligen Pfarrer Manfred Pollex: „Ich habe zu ihm gesagt: Wenn Du Dekan wirst, werde ich Lektorin.“ Pollex wurde Dekan – und Helmi Müller Lektorin. Seit 2005 ist sie Prädikantin.
Predigen mit Lebenserfahrung
Zeitmangel kennt sie kaum als Hindernis: „Zeit ist für mich kein Problem und die Motivation für mein Ehrenamt ist mit den Jahren sogar gewachsen.“ Verkündigung bedeutet für sie Nähe zu den Menschen: „Oft verarbeite ich in meinen Predigten auch Persönliches. Ich möchte nah bei den Menschen sein.“
Ihre Lebenserfahrung prägt ihren Blick auf die Bibel: „Ich habe einmal gehört: Ein Prediger predigt sich selbst. Das stimmt ein Stück weit.“ Sie sitzt lange an der Liturgie und freut sich, wenn auch die Liedauswahl bewusst wahrgenommen wird – nicht nur die Predigt.
„Ich gehe mit dem Text schwanger“
Die Vorbereitung auf den Gottesdienst ist für sie ein intensiver Prozess: „Ich gehe mit dem Text schwanger.“ Zuerst entsteht die Predigt, danach fügt sie Lieder und Liturgie darum herum.
In ihrem Haus gibt es dafür ein eigenes Zimmer. Und Ideen kommen überall: „Egal wo ich bin – ich schreibe mir Gedanken sofort auf. Das gelingt mir gut bei der Hausarbeit.“
Bewegende Gottesdienste und schwere Themen
Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr die erste Osternacht: „Sie war etwas ganz besonderes und für mich sehr emotional.“ Auch außergewöhnliche Gottesdienstformen haben Spuren hinterlassen, etwa das Wunschliedersingen in der Weihnachtszeit. Texte von Konfirmandinnen, Kirchenvorsteherin und ihr wechselten sich mit Liedern ab. „Die Gemeinde hat das Angebot sehr gern angenommen – da merkt man, wie wichtig kreative Ideen und auch Werbung sind.“
Doch auch die großen Katastrophen der Welt fanden ihren Weg in die Gottesdienste: der 11. September oder der Amoklauf in Winnenden. „Da habe ich den ganzen Gottesdienst umgeworfen und mich genau damit beschäftigt.“
Nähe zu den Menschen – Stärke des Ehrenamts
Inhaltlich liegen ihr Themen wie Mitmenschlichkeit und das Angenommensein bei Gott besonders am Herzen. „Äußerlichkeiten werden weniger wichtig. Gottes Nähe soll spürbar werden – nicht nur im Gottesdienst.“
Dass Prädikantinnen und Prädikanten heute eine wichtige Rolle spielen, ist für sie offensichtlich: „Pfarrpersonen werden immer weniger, das Ehrenamt wird wichtiger.“ Für viele Gemeindemitglieder spiele es keine Rolle, ob jemand im Talar oder im Hosenanzug predigt: „Es muss menschlich passen.“ Manchmal seien Ehrenamtliche sogar näher am Leben der Menschen als Pfarrer: „Pfarrer sind manchmal sehr theologisch – wir kommen stärker aus dem Alltag.“
Rückhalt aus der Gemeinde
Rückmeldungen aus der Gemeinde bedeuten ihr viel: „Positives Feedback freut mich und spornt mich an. Es tut gut zu merken, dass etwas ankommt.“ Was braucht es für dieses Ehrenamt? Ihre Antwort ist klar: „Liebe zur Bibel. Die Bereitschaft, Zeit zu investieren. Und auf Menschen zuzugehen – sie sollen sich wahrgenommen fühlen.“ Wer unsicher ist, ermutigt sie: „Mutig sein, es ausprobieren und schauen, ob es passt. Vorkenntnisse der Bibel helfen.“
Zufrieden – und mit Blick nach vorn
Für sich selbst sagt Helmi Müller schlicht: „Ich bin zufrieden.“ Ihre Wünsche richten sich auf die Kirche vor Ort: dass die Pfarrstelle in Hadamar wieder besetzt wird – und dass der Nachbarschaftsraum weiter zusammenwächst.
Helmi Müller steht stellvertretend für viele engagierte Prädikantinnen und Prädikanten sowie Lektorinnen und Lektoren im Evangelischen Dekanat, die mit Zeit, Herz und Glauben Gottesdienste gestalten und Kirche lebendig halten. Ihr Beispiel zeigt: Verkündigung ist kein Beruf allein – sondern eine Berufung, die auch im Ehrenamt wachsen kann.