Margot Käßmann in Weilburg: Warum die Reformation auch nach 500 Jahren aktuell ist

veröffentlicht 01.11.2026 von Clemens von Dressler, Ev. Dekanat an der Lahn

Festvortrag zum Reformationsjubiläum in der Schlosskirche – Ehemalige EKD-Ratsvorsitzende spricht über Gewissen, Freiheit, Gleichberechtigung und die Verantwortung des Glaubens in der Gesellschaft

Was bedeutet die Reformation für die Menschen heute? Welche Rolle spielen Gewissen und persönliche Verantwortung? Und wie kann Kirche ihre Botschaft in einer sich verändernden Gesellschaft vermitteln? Mit diesen Fragen beschäftigte sich Prof. Dr. Margot Käßmann am Samstag, 31. Oktober, in der Weilburger Schlosskirche. Anlässlich des Jubiläums „500 Jahre Reformation in Weilburg“ hielt die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) den Festvortrag „Von der Aktualität der Reformation“. Eingeladen hatte die „stiftung evangelisch in weilburg“.

Auf den Tag genau 500 Jahre zuvor, am 31. Oktober 1526, hatte Graf Philipp III. von Nassau-Weilburg den lutherischen Theologen Erhard Schnepf nach Weilburg berufen und damit einen entscheidenden Anstoß für die Reformation in der damaligen Grafschaft gegeben. Mit der Feierstunde erinnerte die Evangelische Kirchengemeinde Weilburg an dieses historische Ereignis und schlug zugleich eine Brücke in die Gegenwart.

Das Gewissen als Grundlage persönlicher Verantwortung

In ihrem Vortrag beleuchtete Käßmann zunächst die unterschiedlichen Perspektiven, aus denen Martin Luther und sein Wirken im Laufe der Jahrhunderte betrachtet wurden. Dabei machte sie deutlich, dass die Reformation weit mehr als eine kirchengeschichtliche Entwicklung gewesen sei. Sie habe das Verhältnis des einzelnen Menschen zu seinem Glauben und zu seiner Verantwortung grundlegend verändert.

Eine zentrale Errungenschaft sei die Bedeutung des persönlichen Gewissens. Nicht allein kirchliche oder weltliche Autoritäten sollten über Glaubensfragen bestimmen. Vielmehr seien die Menschen selbst dazu aufgerufen, ihr Gewissen an der Bibel und an der Vernunft zu schärfen.

Wie aktuell dieser Gedanke ist, verdeutlichte Käßmann am Beispiel der gegenwärtigen Diskussion über die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Dabei stellte sie die Frage, warum die persönliche Gewissensentscheidung vor allem im Zusammenhang mit der Verweigerung des Wehrdienstes thematisiert werde, nicht aber ebenso bei denjenigen, die sich für den Dienst an der Waffe entscheiden.

Glaube, Freiheit und Gleichberechtigung

Einen weiteren Schwerpunkt bildeten die vier Grundprinzipien der Reformation: die Orientierung an Christus, die Gnade Gottes, die Heilige Schrift und der Glaube. Sie bildeten für Luther die Grundlage eines neuen Verständnisses der Beziehung zwischen Gott und Mensch.

Käßmann erinnerte daran, dass Luther die Menschen ermutigte, eigenständig über ihren Glauben nachzudenken. Bildung nahm dabei eine Schlüsselrolle ein: Jeder Mensch sollte die Möglichkeit erhalten, die Bibel selbst zu lesen und sich mit ihrem Inhalt auseinanderzusetzen.

Gleichzeitig machte die Theologin deutlich, dass die Bibel immer auch in Übersetzungen gelesen werde und ihre Bedeutung für die Gegenwart immer wieder neu erschlossen und diskutiert werden müsse.

Aus dem reformatorischen Verständnis des Priestertums aller Getauften leitete Käßmann auch die Gleichberechtigung von Frauen in der Kirche ab. Wenn alle Getauften vor Gott gleich seien, müssten Frauen selbstverständlich sämtliche kirchlichen Ämter und Aufgaben übernehmen können.

Kritischer Blick auf Luther und Einsatz für den Dialog

Käßmann setzte sich auch kritisch mit dem historischen Reformator auseinander. Luther sei kein Heiliger gewesen. Insbesondere seine judenfeindlichen Äußerungen müssten klar benannt und kritisch aufgearbeitet werden.

Gerade vor diesem Hintergrund betonte sie die Bedeutung des Dialogs zwischen den Religionen. Die gemeinsamen religiösen Wurzeln böten Anknüpfungspunkte für Begegnung und Verständigung. Für Käßmann gehört die Bereitschaft, miteinander im Gespräch zu bleiben, zu den wesentlichen Aufgaben einer Kirche, die Verantwortung für das gesellschaftliche Zusammenleben übernehmen möchte.

Kirche muss mitten in der Gesellschaft stehen

Dass der christliche Glaube keine reine Privatangelegenheit ist, war ein weiterer Gedanke ihres Vortrags. Nach Käßmanns Verständnis bedeutet gelebter Glaube, sich mit seinen Überzeugungen aktiv in das Gemeinwesen einzubringen und gesellschaftliche Entwicklungen mitzugestalten.

Dabei zog sie auch Parallelen zwischen der Reformationszeit und heutigen Kommunikationsmöglichkeiten. So wie Martin Luther den Buchdruck nutzte, um seine Gedanken einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, müsse sich Kirche heute mit neuen Medien auseinandersetzen. Auch soziale Netzwerke böten Möglichkeiten, über Glauben zu sprechen und Menschen zu erreichen.

Eine wichtige Rolle spielte für Luther zudem die Musik als Ausdruck und Vermittlung des Glaubens. Passend dazu erhielt auch die Musik bei der Weilburger Feierstunde ihren Platz: Kantor Jonas Dippon gestaltete die Veranstaltung mit seinem Orgelspiel musikalisch.

500 Jahre Reformation in Weilburg

Eröffnet wurde die Feierstunde durch Pfarrer Guido Hepke, der die Gäste begrüßte und dabei auch Grüße des luxemburgischen Großherzogs Guillaume V. übermittelte. Das Luxemburger Herrscherhaus ist historisch eng mit dem Hause Nassau-Weilburg verbunden.

Im Anschluss an den Festvortrag erinnerte Hans-Peter Schick an die Anfänge der Reformation in Weilburg und die Entwicklung des evangelischen Glaubens in der Region. Er ging dabei auf das Wirken von Graf Philipp III., Erhard Schnepf und Kaspar Goltwurm ein, die die kirchlichen Veränderungen im 16. Jahrhundert maßgeblich prägten.

Zugleich stellte Schick die Arbeit der „stiftung evangelisch in weilburg“ vor. Die 2020 gegründete Stiftung unterstützt das kirchliche Leben vor Ort und konnte seit ihrer Gründung rund 750.000 Euro an Mitteln gewinnen. Zu ihren bisherigen Schwerpunkten gehörte insbesondere die Sanierung der Schlosskirchenorgel, die mit rund 170.000 Euro gefördert wurde. Darüber hinaus unterstützt sie unter anderem die Kinder- und Jugendarbeit sowie weitere gemeindliche Projekte.

Aktuell beschäftigt sich die Stiftung gemeinsam mit dem Kirchenvorstand mit der Sanierung des historischen Kalvarienberges und des evangelischen Teils des nassauischen Friedhofs.

Den Abschluss der Feierstunde gestaltete Thomas Schmidt, Vorsitzender der Stiftung, mit Worten des Dankes.

Die Feier zum 500-jährigen Reformationsjubiläum machte deutlich, dass die Reformation nicht allein ein Ereignis der Vergangenheit ist. Die Fragen nach Glaubensfreiheit, persönlichem Gewissen, Bildung und gesellschaftlicher Verantwortung, die vor fünf Jahrhunderten die Menschen bewegten, sind auch heute von großer Bedeutung.