Evangelisches Dekanat an der Lahn

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    Heil bleiben

    05.02.2022 / Dekan Manfred Pollex

    Seine rechte Hand streckt der junge Mann steil nach vorne. „Heil Hitler“, heißt das, sagen die Reporter. Wie leicht ihm das fällt, dieses laute „Heil Hitler“ zu rufen, den Gruß des Grauens. Wer geht zu ihm und sagt ihm, was das bedeutet mit Hitler und dem Nationalsozialismus? Das war kein Heil. Da war nur Unheil und Grauen. Da waren militärische Überfälle in ganz Europa. Mit Millionen an Toten und Verwundeten. Mit Trümmern in Kassel und Frankfurt, in Dresden und Chemnitz und Dortmund. Überall, wo jetzt wieder Leute nach Hitler rufen, verbrannten Menschen 1943 bis 1945 oder wurden mundtot gemacht.

    Eine hochbetagte Frau jüdischen Glaubens, die das Vernichtungslager Auschwitz überlebt hat, fleht uns an: „Ich bin nach Jahrzehnten aus den USA nach Berlin zurückgekommen, um euch zu bitten: Sorgt dafür, dass das Grauen nie wieder passiert. Was geschehen ist, können wir nicht ungeschehen machen. Aber die Zukunft können wir beeinflussen. Sorgt dafür, dass das Grauen nicht wiederkommt und noch schlimmer – zur Banalität wird.“ Die Banalität des Bösen, das ist eine Formulierung, welche die große Hannah Arendt unter dem Eindruck als Prozessbeobachterin gegen den ehemaligen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann im Jahr 1961 in Jerusalem prägte. Die Banalität des Bösen lässt jeglichen Funken von Menschlichkeit und innerer Berührung durch das Schicksal anderer Menschen vermissen. Diese Haltung führte in einen der größten Abgründe menschlicher Zivilisation. Deshalb muss heute das hohe Gut der freien Meinungsäußerung und der freien politischen Betätigung angesichts der Entwicklungen in unserem Land nach meiner Meinung neu diskutiert und rote Linien deutlicher gezogen werden. Das Grauen muss in unserem ethischen Orientierungsrahmen als Grauen erkennbar bleiben, ebenso das Böse als Böses. Wird es zur Banalität, haben wir verloren. Gerade so wie vor 80 Jahren das Grauen, das Böse zur Banalität wurde, als am 20. Januar 1942 15 führende Köpfe im Deutschen Reich zwischen Cognac und Schnittchen bei der sogenannten „Wannseekonferenz“ die Ermordung von 11 Millionen Jüdinnen und Juden als „Endlösung der Judenfrage“ verabredeten.

    Ach Gott, denke ich da, schenke uns doch Einsicht, Vernunft, Bildung, Geschichtsbewusstsein. Und nutze uns alle dazu, damit unser Land nicht zerfällt in Gleichgültigkeit und Hass. Nicht gegeneinander brüllen, sondern miteinander sprechen. Jeder für jeden, nicht gegen andere. Damit wirklich Heil werden kann – und wir heil bleiben.

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